Politik, Lifestyle, Kultur

Mit Spielzeugwaffen gegen das Regime

In Politik on 22.06.2009 at 10:18

Die Lage im Iran wird am Tag 10 nach der umstrittenen Präsidentschaftswahl immer unübersichtlicher. Wie staatliche Medien verkündeten, starben am Wochenende bei Zusammenstößen zwischen Demonstranten und Paramilitärs mindestens 10 Personen. In den Tagen zuvor waren es nach offizielelr Lesart bereits 7 Tote. Somit erhöht sich die Zahl der Toten auf mehr als 17 Menschen. Die Verzweiflung und Angst der Menschen lässt sich nur erahnen. Journalisten ist es seit Tagen nicht erlaubt aus Teheran zu berichten. der BBC-Korrespondent aus Teheran wurde sogar des Landes verwiesen. Wie Amateuraufnahmen zeigen, bleiben den Leuten gegen die Messer und Waffen der Polizei und Paramilitärs oft nur die eigenen Hände und aufgelesene Steine. Soviel Mut angesicht der Hilflosigkeit ist beeindruckend. Auf CNN stolperte ich neulich über ein Foto, dass zunächst wie jedes andere wirkt. Gar nicht mal so spektakulär meint man. Hat man doch in den letzten Tagen schon Tote, Blut, Schießereien und Folter live via Internet miterleben können. Doch das Foto des Mannes mit der Spielzeugpistole hat mich zu Tränen gerührt. Jener Mann, der ungefähr so alt ist wie mein Vater und dessen einziger Schutz eine Spielzugpistole ist. “Hol dir eine richtige!” möchte man ihm zurufen. Oder “vorsicht, das wird sie nicht abschrecken!”. Und wieder soviel Hoffnungslosigkeit und Mut zugleich. Wie er voran schreitet, hinter ihm eine junge Frau und ein Mann. Welch’ Symbol dieses Widerstandes, der schon lange kein “Ein-Generationen-Projekt” mehr ist. Alte werfen sich vor die Jungen, Eltern vor ihre Kinder. Hand an Hand schreiten sie von Demo zu Demo, festen Blickes in die Läufe der Polizisten und Paramilitärs.

Neue Formen des Protestes

Trotz der Eskalation auf den Straßen im Iran denken die Oppositionsanhänger nicht ans Aufhören. Wie  Oppositionskandidat Mussawi am Wochenende mitteilte, hält er an seiner Forderung Neuwahlen auszurufen fest. Lieber würde er den Märtyrerweg gehen,

Cyberprotest im Iran

In Politik on 15.06.2009 at 7:25

In einer nie da gewesene Art und Weise erleben soziale Netzwerke wie Facebook und Twitter im Iran einen regelrechten Boom. Viele Protestveranstaltungen werden über das Internet organisiert, da das iranische Handynetz sabotiert wird. Und auch Informationen fließen nur per Internet. Internationale Journalisten dürfen nicht mehr frei arbeiten, somit sucht man im Westen alternative Quellen. Große Nachrichtenstationen wie CNN erklären, Informationen über Twitter und oftmals anonyme Blogger zu beziehen.  Eine große Chance, aber auch ein Risiko.  Doch die Vielzahl der Berichte macht es möglich, Trends abzulesen und weitere Informationen einzuholen. Man schaut sich Videos bei Youtube an, Bilder bei Flickr. Noch bevor die Redakteure der großen Zeitungen diese überhaupt auf dem Schreibtisch liegen haben. Die ganze Gewalt des Regimes ist dank Internet nicht zu verschleiern. Eine nie da gewesene digitale Vernetzung macht es der iranischen Opposition möglich, binnen kürzester Zeit Millionen von Menschen zu mobilisieren. Es werden Tipps zum Verhalten bei Tränengas, Treffpunkte zum Protest und was am wichtigsten ist, alternative Proxy Server Daten ausgetauscht, um die Internetsperren zu umgehen. Viele Server wurden  abgeschaltet um zu verhindern, dass Informationen nach aussen gelangen.

Und auch diejenigen, die nicht im Iran sind spielen eine große Rolle. Hacker helfen ihren Freunden im Iran dabei, die digitale Infrastruktur des Regimes zu stören. Sie sind die digital-demokratischen Rebellen des 21.Jahrhunderts. Sympathisanten im In- und Ausland tauschen Internetadressen aus, vernetzen sich, Treffen sich zu spontanen Kundgebungen in Berlin, Paris und London.  Was auch immer die Massenproteste im Iran bringen werden, es wird zu großen Teilen auch ein Erfolg mutiger Menschen sein, die digitale Netzwerke wie Twitter, Flickr und Facebook mit Leben füllen. Jeder ist dieser Tage Demonstrant und Informant zugleich. Diesen Menschen im Iran gebührt Respekt.

Teheraner Illusionen

In Politik on 13.06.2009 at 10:08

Präsidentschaftswahl in der Islamischen Republik Iran. 62,6 Prozent für den amtierenden Präsidenten Ahmadinedschad, 33,75 für seinen populärsten Herausforderer Mir Hussein Mussawi. Von einer freien Wahl kann im Iran keine Rede sein. Nur vier von etwa 1400 Kandidaten zur Präsidentschaftswahl wurdem vom mächtigen, klerikalen Wächterrat und seinem auf Lebenszeit gewählten Vorsitzenden Ajatollah Chomenei zugelassen. Mussawi wäre sicher kein iranischer Gorbatschow geworden. In vielen aussenpolitischen Fragen sind sich alle Bewerber einig. Sei es der Atomstreit, die Unterstützung der Hisbollah oder der Kampf der Hamas. Der tief sitzende Patriotismus und der Stolz auf eigene tchnologische Fortschritte sind ungebrochen. Doch die Kritik am System wird immer offener zur Schau gestellt. Wo man früher nicht mal wusste ob man im Taxi über Politik reden darf, scheint der Iran einen offensten Wahlkämpfe seiner jüngeren Geschichte erlebt zu haben. Nebenbei auch eine Möglichkeit, sich freier als gewohnt zu Verhalten. Niemand wollte vor der Wahl Provokationen – allen voran nicht Präsident Ahmadinedschad. Man ließ die Studenten und Mussawi-Anhänger demonstrieren. Da tanzten auch Frauen mit Männern offen auf der Straße. In der Regel undenkbar. So manch einer wird sich noch gerne an den Wahlkampf erinnern. Und so manche werden sicher auch eine Bekanntschaft fürs Leben gemacht haben.

Die Iraner sind sich Vieles gewohnt. Angefangen bei den ausschweifenden Jahren der Schah-Monarchie bis zur Revolution, dem darauf folgenden Irak-Iran Krieg und den internationalen Sanktionen. Der Wunsch nach Anerkennung in der Welt ist innerhalb der Bevölkerung dennoch so groß wie nie. Per Sat-TV empfangen sie Nachrichten und Botschaften aus Amerika, Europa und der Welt. Sie wollen nicht mehr nur passiv Konsumieren, sie wollen dieser globalisierten Welt aktiv angehören. Jedoch ohne das System gänzlich in Frage zu stellen. Mussawi steht für einen moderaten Stil und lang ersehnte Reformen innerhalb des Systems.