http://ordnungspolitiker.de politik/leben/kultur

Teheraner Illusionen

13. Juni 2009 · Kommentar schreiben

Präsidentschaftswahl in der Islamischen Republik Iran. 62,6 Prozent für den amtierenden Präsidenten Ahmadinedschad, 33,75 für seinen populärsten Herausforderer Mir Hussein Mussawi. Von einer freien Wahl kann im Iran keine Rede sein. Nur vier von etwa 1400 Kandidaten zur Präsidentschaftswahl wurdem vom mächtigen, klerikalen Wächterrat und seinem auf Lebenszeit gewählten Vorsitzenden Ajatollah Chomenei zugelassen. Mussawi wäre sicher kein iranischer Gorbatschow geworden. In vielen aussenpolitischen Fragen sind sich alle Bewerber einig. Sei es der Atomstreit, die Unterstützung der Hisbollah oder der Kampf der Hamas. Der tief sitzende Patriotismus und der Stolz auf eigene tchnologische Fortschritte sind ungebrochen. Doch die Kritik am System wird immer offener zur Schau gestellt. Wo man früher nicht mal wusste ob man im Taxi über Politik reden darf, scheint der Iran einen offensten Wahlkämpfe seiner jüngeren Geschichte erlebt zu haben. Nebenbei auch eine Möglichkeit, sich freier als gewohnt zu Verhalten. Niemand wollte vor der Wahl Provokationen – allen voran nicht Präsident Ahmadinedschad. Man ließ die Studenten und Mussawi-Anhänger demonstrieren. Da tanzten auch Frauen mit Männern offen auf der Straße. In der Regel undenkbar. So manch einer wird sich noch gerne an den Wahlkampf erinnern. Und so manche werden sicher auch eine Bekanntschaft fürs Leben gemacht haben.

Die Iraner sind sich Vieles gewohnt. Angefangen bei den ausschweifenden Jahren der Schah-Monarchie bis zur Revolution, dem darauf folgenden Irak-Iran Krieg und den internationalen Sanktionen. Der Wunsch nach Anerkennung in der Welt ist innerhalb der Bevölkerung dennoch so groß wie nie. Per Sat-TV empfangen sie Nachrichten und Botschaften aus Amerika, Europa und der Welt. Sie wollen nicht mehr nur passiv Konsumieren, sie wollen dieser globalisierten Welt aktiv angehören. Jedoch ohne das System gänzlich in Frage zu stellen. Mussawi steht für einen moderaten Stil und lang ersehnte Reformen innerhalb des Systems. Sie wollen einen neuen Stil und kleine Schritte hin zu einer Öffnung des Iran nach aussen wie auch der Gesellschaft nach innen. Sie benutzen Twitter, Facebook und Flickr. Doch gerade die Armen – die, die in Teherans Süden und den vielen ländlichen Provinzen leben – sind empfänglicher für Kartoffeln und Geld als für SMS und E-Mail. Es ist immer wieder erstaunlich, wie schnell sich europäische Medien der Illusion hingeben, diese medial gut in Szene gsetzte Kritik aus den Städten heraus könne generalisiert werden und stünde gar für eine kurzfristig zu erwartende radikale Veränderung. Dieser Wunsch vieler Europäer ist nach dieser Wahl nicht in Erfüllung gegangen.

Wer den ganzen Iran sehen will, der muss auch in die Dörfer gucken. Dort, wo ein starker Mann an der Spitze und die Religion mehr zählen als die Frage des Kopftuches, der Musik, der Internetzensur und der Drogen. Aber viele Probleme teilen die Menschen aller Milieus. Arbeitslosigkeit, Inflation, Modernisierungsdefizite und Sanktionen prägen das ganze Land. Man sollte die oppositionelle, städtische Jugend nicht unterschätzen. 60 Prozent der Wahlberechtigten im Iran sind unter 30. Hinzu kommen viele Jugendliche. Die kritischen Jugendlichen unter ihnen sind eine laute, unübersehbare Minderheit. Hinzu kommen sehr viele betagtere  Iraner die ebenfalls Reformen und neue Freiheiten wollen. Viele von ihnen werden enttäuscht sein angesichts des offenen Verzerrens und Betrügens bei der Wahl. Mussawi sprach bereits von Wahlbetrug und auf Teherans Straßen prügeln sich Studenten mit Polizisten. Sowas gab es lange nicht mehr. Die Kritik wird lauter und radikaler, wenn die Demonstranten feststellen, dass selbst kleine Schritte innerhalb der bestehenden Strukturen unmöglich sind. Die Mullahs und allen voran Ajatollah Chamenei wären gut beraten gewesen, wenn sie  einem moderaten Kandidaten ins Amt verholfen hätten. Die Islamische Republik Iran wird nach dem 12.Juni nicht mehr das sein, was sie vorher war. Auch diese Illusion ist geplatzt.

Kategorien: Politik
Mit Tag(s) versehen: ,

0 Antworten bis hierher ↓

  • Bis jetzt noch kein Kommentar ... Bring die Sache ins Rollen, und füll das untere Formular aus.

Kommentar schreiben